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Das Gewicht der Bücher

Treumann, R. A. (2017), Das Gewicht der Bücher, Eine Ironie.

Abstract
Vergangenes Jahr drückten mir kurz nacheinander strahlenden Gesichts zwei meiner Freunde, die nicht unterschiedlicher sein können, der eine ein Banker, die andere eine Geigerin, beide mit der Bemerkung: “Das musst du gelesen haben!”, ein Traktat, damals bereits in neunter Auflage erschienen, in die Hand, das mit der markigen Behauptung beginnt: Jedes Zeitalter habe seine Leitkrankheit. Der gegenwärtigen Epoche diagnostiziert der Autor Müdigkeit, eine nicht-virale Krankheit im übrigen, wie er behauptet, da wir die Zeitalter der epidemischen viralen (sprich: bakteriellen) Krankheiten längst hinter uns gelassen hätten. Nach einigen elegant verpackten Rundschlägen andere Deutungen betreffend, mündet die sich aus der Diagnose ergebende Therapie in die hoffnungsfrohe Empfehlung einer heilenden, erschöpfenden Müdigkeit, an der die kranke Gegenwart genesen sollte.
Entweder bin ich zu unempfindlich für markige Sätze und kategorische Feststellungen dieser allgemeinen Art, oder ich bin zu stumpfsinnig, solchen Folgerungen irgendeinen Erkenntniswert anmessen zu wollen. Wer unserer Epoche – soweit sich angesichts der rasanten Entwicklungen integral oder gar global von einer solchen reden lässt – eine spezifische Krankheit andichten will, wird in dem vielfältigen Angebot an zivilisatorischen Krankheiten, unter denen sich auch kaum einzudämmende epidemische wie genetische tummeln – man denke an das bevorstehende Ende der Antibiotika, das sich in den aufkommenden Resistenzen, genannt Klinikkeime, abzeichnet, das unkontrollierbare Aufflammen von Ebola, die Rückkehr der Diphtherie, der Tuberkulose, Aids, Syphilis, den unbezwungenen Krebs, Fettsucht, Diabetes, Autismus, Erbkrankheiten, Crétainismus, Schwachsinn, psychischen Abnormitäten usw. – kaum eine dominante finden, die er zur “Leitkrankheit” hochstilisieren könnte, die Müdigkeit zuallerletzt, auch wenn Peter Handke, in völlig anderem Sinn und Zusammenhang, Müdigkeit in unserer Zeit als eine verbreitete Erscheinung unter vielen konstatiert hat. Das wirkungslose schöngeistige Trostpflästerchen von der “heilsamen” Müdigkeit dient bestenfalls als Blindenbrille, sich in die bequeme, fast fatalistische Gemütlichkeit eines So-ist-es-nun-einmal zu ergeben. Das aber ist nicht die Art und Weise, wie Probleme “in unserer Epoche” angegangen werden, sondern die einer längst vergangenen, romantisierenden restaurativen oder einfach rückwärts gewandten Epoche.
Die greifbare Realität, in der wir uns bewegen und wo es ohnehin Schönredner im Überfluss gibt, benötigt keine abgehobenen Untersuchungen und die aus ihnen gewonnenen, geschmeidig formulierten esoterischen Ratschläge ohne Realitätsbezug. Erstaunlich an ihnen ist, dass sie, wie meine beiden Freunde und die hohe Zahl der Auflagen belegen, dem Empfinden und Denken einer breiten, vor allem ober- und mittelständischen Bevölkerungsschicht entgegenkommen, das keine andere Bezeichnung verdient als die des Anachronismus, der in der Kunst geradenwegs in den Kitsch, in der Theorie in die Restauration führt. Diese sich in der Realität unglücklich fühlende Schicht, der es weder materiell, noch sozial übel widerfährt, nickt einverständig mit den Köpfen über die so wundersam in ihre anscheinend mitgenommene psychische Verfassung einfühlend ausgedrückten Scheinsichten. Sie fühlt sich darin wohl, entfernt sich sanft aus der Wirklichkeit.
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Printed 04. Aug 2020 22:49