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Gedichtüberschreibung

Treumann, R. A. (2017), Gedichtüberschreibung, zu Heiner Müllers "Bildbeschreibung".

Abstract
Nichts ist erfahrbar oder denkbar ohne einen Hintergrund, von dem es sich abhebt, in dem es seinen Abdruck hinterlässt, auf den es seinen Schatten wirft. Lässt der Hintergrund es zu, so erscheint es darin als Spiegelbild, als seine seitenverkehrte und reduzierte Doppelung. Ohne diese, sein sogenanntes Anderes, existiert es nach Hegels Auffassung nicht, der die Doppelung als Negation versteht. Wenn das eine die Existenz ist, dann ist die Negation die Nichtexistenz. Ist das eine das Erscheinen, dann das andere die Vernichtung. Ist das eine die Bejahung, dann das andre die Verneinung. Erst beide, gemeinsam vorgestellt, machen nach Hegel das Ganze aus. Eigentlich haben das bereits die Sophisten gewusst. Seit Hegel die Negation, das gemeinsame Wirken von Bejahung und Verneinung in der Synthese propagiert hat, kann niemand an der Negation vorbei. Die Philosophie hangelt sich am Zusammenspiel beider vorwärts, doch ohne recht von der Stelle zu kommen. Heiner Müller, der wichtige Dramatiker der deutschen Nachkriegszeit, hat sich in seinem Ein-Mann-Stück Bildbeschreibung diese Gedanken zu eigen gemacht und in eigenwilliger Weise auf ein reales Objekt, ein Bild, angewendet. Obwohl Müller das Stück “Bildbeschreibung” genannt hat, war seine Absicht nach eigenem Zeugnis nicht mit der Beschreibung des Bildes getan, die in dem Stück realiter nur einen kleinen Teil einnimmt. Müller greift vielmehr Hegel auf in der Bemühung, das Bild, an dem sich seine Fantasie entzündet, zu “überschreiben” mit dem ausdrücklichen Ziel, es auf diese Weise in seine möglichen Negationen zu überführen und so, wie er meint und wünscht, zu “vernichten”. Sein ikonoklastisch zu verstehendes Anliegen ist nicht etwa die Vernichtung nur und gerade dieses einen realen Bildes, was sofort die Frage aufwürfe, was er so Starkes, Vernichtung Rechtfertigendes dagegen vorzubringen habe, sondern den Weg der Vernichtung von allen Bildern vorzuzeichnen: durch Verkritzelung, Überschreibung mit Worten, Texten, welche andere nicht reale, sondern mentale Bilder an die Stelle der jeweils betreffenden Bilder setzen. Dazu liesse sich anmerken, die Übermalung von Bildern habe es immer schon gegeben, meist wohl weil die Unterlage, die Leinwand für ein anderes Bild benötigt wurde, das vielleicht merkantil mehr einbrachte. Auch mag der Künstler das ursprüngliche Bild als unzureichend empfunden haben. Fast jeder Künstler hat von dieser Methode Gebrauch gemacht, seine wie er meinte “schlechten” Bilder auf solche Art annulliert. Die Entdeckung des ursprünglichen Bildes unter dem oberflächlich sichtbaren gilt, wenn der Maler einen Namen hat, jedesmal als kunstgeschichtliche Sensation. Müller ist also keineswegs der erste. Das Bild durch einen Text zu “nichten”, ohne es zu interpretieren, gegebenenfalls zu verreissen, was dem Kunstkritiker obläge, darin ist Müllers Anliegen neuartig. Und genau an dieser Stelle meldet sich der Zweifel, ob ein derartiges Anliegen durchführbar ist, zumal Müller keinen Grund für sein Bestreben nach Vernichtung des Bildes, allgemein von Bildern angibt. Dem nachzuspüren, übertragen wir Müllers Methode der “Bildüberschreibung” gezielt auf die Überschreibung eines Gedichts und, um möglichst dicht an Müller zu bleiben, wählen wir eines seiner eigenen Gedichte aus, sein vielleicht bekanntestes, Schwarzfilm von 1985.
BibTeX
@unpublished{id2292,
  author = {R. A. Treumann},
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EndNote
%0 Unpublished Work
%A Treumann, R. A.
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%8 aug
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Printed 21. Feb 2020 08:33